Erich Haas

Ein jüdisches Leben in Borken - vor 1938 und nach 1946

Erich Haas (1897-1968) kehrte als einer der wenigen Überlebenden der Shoah 1946 nach Borken zurück. Er stammte aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, die eine international ausgerichtete Furnierhandlung in Borken und in Hamburg betrieb und zur städtischen Oberschicht gehörte. 1928 trat er in den Familienbetrieb seines Vaters und dessen Bruders ein, kurz darauf heiratete er Ruth Marck aus Breslau; das Ehepaar hatte drei Söhne. Nach dem Novemberpogrom floh er mit Hilfe einer befreundeten Bauernfamilie mit zwei Cousins vor der drohenden Verhaftung durch SA und Gestapo nach Winterswijk (NL). Weil ihr die Flucht in die Niederlande nicht mehr möglich war, kehrte seine Frau Ruth zu ihren Eltern nach Breslau zurück. 1942 wurde sie mit ihren drei Söhnen nach Majdanek deportiert und ermordet. Erich Haas war bereits im Februar 1939 in einem niederländischen Lager für jüdische Flüchtlinge bei Rotterdam interniert worden. Vom 23. November 1939 bis zu seiner Befreiung am 5. Mai 1945 war er im Lager Westerbork interniert, das 1942 von der SS übernommen und zum „Polizeilichen Durchgangslager“ umfunktioniert wurde, um von dort aus die Deportationen in die Vernichtungslager zu organisieren. Erich Haas gelang es, bis zum Kriegsende verschont zu bleiben, und zog im Juli 1945 nach Winterswijk.

Im Winter 1945/46 kehrte er an seinen Geburtsort Borken zurück. Er wurde von der Familie Fortmann-Reinermann, die ihn bei der Flucht 1938 unterstützt hatte, aufgenommen. Borken war aber nicht nur die Stadt seiner Vorfahren, sondern auch die Stadt der Täter. Das gesamte Vermögen der Haas-Familien, Furnierwerk und Großhandel, das große Doppelwohnhaus einschließlich des Hausrates waren 1938 arisiert und 1941 öffentlich versteigert worden. Im März 1945 waren die Immobilien im Zuge alliierter Bombenangriffe zerstört worden.

Erich Haas setzte sich für die Wiederherstellung des Rechts ein, beanspruchte die Rückerstattung des Vermögens der eigenen Familie wie der untergegangenen jüdischen Gemeinde und baute das Furnierwerk wieder auf. Beharrlich und mutig setzte er die Familienansprüche gegenüber den neuen Besitzern der Güter juristisch und persönlich durch. Ein besonderes Anliegen war ihm die Wiederherstellung der zerstörten jüdischen Friedhöfe. Vor dem Landgericht Münster sagte er in dem Prozess gegen die Borkener Täter der Pogromnacht als Hauptbelastungszeuge aus.

1955 heiratete Erich Haas Hencie Margules. Die in Polen geborene Rotterdamerin hatte mit ihrer Tochter Anna die Konzentrationslager Bergen-Belsen und Auschwitz überlebt und war zweimal Witwe geworden. Der Umzug nach Borken fiel ihr nicht leicht. Auf die Frage, wo sie wohnte, antwortete sie immer: „In der Nähe von Winterswijk“.

Erich Haas starb im Januar 1968 nach einer kurzen Krankheit im Alter von 70 Jahren. Seine Beerdigung auf dem jüdischen Friedhof Borken, auf dem er zum Gedenken an seine drei in Majdanek ermordeten Söhne Lothar, Bernd und Edmond symbolisch Kindergrabsteine hatte aufstellen lassen, war die bisher letzte jüdische Bestattung in Borken. Seine Frau Hencie führte den Holz- und Furnierhandel zunächst weiter, schloss aber im Sommer 1971 die Türen endgültig und zog aus Borken fort.

Die Biografie von Erich Haas ist von Hartmut Bringmann (Borken) im Rahmen des Studienprojektes „Helden und Außenseiter – Zur Geschichte des Nationalsozialismus in Westfalen nach 1945“ an der Universität Münster erforscht und in dem gleichnamigen, von Veronika Jüttemann herausgegebenen Sammelband veröffentlicht worden.

https://repositorium.uni-muenster.de/document/miami/3e53c1df-1e35-463b-aca3-042152f2705f/helden_aussenseiter_05_erich-haas.pdf

Die Achterhoek Nieuws berichtete am 26.08.2018 über eine Lesung von Hartmut Bringmann in der Synagoge Winterswijk anlässlich des Open Monumentendag / Tages des offenen Denkmals:

https://www.achterhoeknieuwswinterswijk.nl/nieuws/algemeen/221400/erich-haas-held-en-buitenstaander-?redir



Datum/Zeitraum
0.0.1897 – 0.0.1971