Vergebliche Flucht nach Holland im Dritten Reich

Die Geschichte des Hermann Philipps aus Münster-Wolbeck, Kriegsteilnehmer WWI und Jude

Amsterdam, 19.9.39

Meine liebe einzige Hella!

Nun bin schon 14 Tage in Holland und habe noch keinen einzigen Brief von Dir  meiner Liebsten, worin Du den Empfang meiner Zeilen bestätigst. Verschiedene Briefe sind an Deine alte Adresse gegangen, aber die Andern an die Jetzige. Deine Post an Kläre und für Deine l. Eltern habe gelesen und mich gefreut, wenigstens etwas von Dir zu erfahren. Gestern traf ein Brief von Selma ein, er war nur 2 Tage unterwegs. Sie schrieb, dass alles gesund ist in Wolbeck. Euer Artur arbeitet wie immer in Hiltrup, Baum ist auch bei Artur angefangen.

Deinen L. Eltern geht es ganz gut und kannst Du ganz beruhigt sein. Um 8 Uhr abends müssen die Juden zu Hause sein. Das ist ja weiter nicht schlimm und die einzige Maßnahme die gegen sie getroffen wurde. – Nun etwas von mir selbst. Vor ungefähr 4 Wochen hatte ich mich entschlossen, den Nazis zuvor zukommen und zu flüchten. Es wurde hohe Zeit! Zu vieren, darunter auch Artur aus Werther, hauten wir ab. Mit einem holl. Wagen von Münster nach Gronau und von da an „durch die Wälder durch die Auen“. Es glückte uns durch die deutschen Grenztruppen zu schleichen–  bis auf 20 Meter vor die holl. Grenze. Da wurden wir mit einem Maschinengewehr begrüsst vom letzten deutschen Posten und blieb uns nur übrig, das Hasenpanier zu ergreifen. Noch einmal hatten wir Glück! Wir flüchteten uns mitten in eine grosse Weide und blieben 3 Stunden ruhig liegen. Mit Scheinwerfern und Laternen wurden wir gesucht aber nicht gefunden! Schliesslich glückte es uns Gronau zu erreichen und morgens um 9 Uhr waren wir wieder in Münster. Inzwischen war auch schon nach mir gefragt worden zu Hause von der Zollfahndungsstelle, Gendamerie u.s.w. Infolgedessen zog ich vor, in Münster unterzutauchen. Mit Julius K. der sich auch infolge Familienangelegenheiten gezwungen sah zu verschwinden, versuchten wir noch einmal unser Glück. Ich hatte aber vorgearbeitet und es fertig gebracht, ohne Gefahr die deutschen Linien passieren zu können. Ja, wir tranken sogar in der letzten deutschen Wirtschaft in aller Seelenruhe 2 Glas Bier und überschritten 15 Meter davon unbehelligt die Grenze abends um ½ 11. Nun hieß es aufpassen um dem Holl. Militär und Marechaussees nicht in die Hände zu fallen. Aber wieder hatten wir Glück! Ich will mir ersparen weitere Einzelheiten zu schreiben, es möge Dir genügen wenn ich Dir sage, durch Wälder, Bäche und Flüsse, über Weiden, Bahndämme u.s.w. erreichten morgens um 8 Uhr einen Wald 5 Kilometer vor Enschede. Hier liess ich Julius liegen, zeichnete mir die Gegend auf und gab ihm Anweisung, auf dreimaliges kurzes Hupen eines Autos zu warten. Ich reinigte so gut es ging meine Schuhe und Kleider und ging frech auf die Strasse zu. Hier hielt ich einen Bus an und fuhr nach Enschede. In einer Minute war ich schon von der Strasse bei Bekannten. Von dort fuhr ich  mit dem Wagen nach meinen Freunden, die es für unmöglich gehalten hatten. Nun konnten wir auf der Karte Julius’ Platz feststellen und kurz darauf war er bei mir! Nach einer Woche gelang es mir mich zu den Lieben hier durchzuschlagen und bin nun hier. Werde versuchen in Holland zu bleiben und bin einem besondern nicht jüd. Comitee  unterstellt aus besondern Gründen. Ich will bemerken, dass ich nicht bei Kläre wohnen werde. Meine Post lasse ich von Kläre abholen. – Nun habe ich genug geschrieben und freue mich den deutschen Verbrechern entronnen zu sein. Wir wollen hoffen, daß diese Lumpen ihrem Schicksal nicht entgehen! Liebe liebe Hella! Ich erwarte von Dir einen langen Brief und küsse Dich tausendmal, Dein (........)   Hermann

Hermann Philipps (2.8.1897-1942) wuchs als Sohn eines Metzgers mit vier Schwestern in Wolbeck bei Münster auf. Er machte eine Lehre als Metzger. Die jüdische Familie war in der Gemeinde gut integriert. 1914 wurde er eingezogen und kam nach dem Krieg mit schweren Erfrierungen an den Füßen aus Russland zurück. Nach dem Tod des Vaters 1928 übernahm Hermann die Metzgerei. In Wolbeck war er als Kriegsteilnehmer anerkannt, war passives Mitglied im Gesangverein und hatte seine Skatrunde mit Wolbeckern. Wer nach Münster wollte, konnte bei seinen Marktfahrten auf dem Wagen mitfahren. 1935 gingen die Einkünfte zurück. Man kaufte nicht mehr bei ihm, den Stand auf dem Münsteraner Markt am Ludgeri-Platz gab er auf, bevor es von ihm per Gesetz verlangt wurde. Die Skatrunde traf sich nicht mehr mit ihm.

Nach dem Novemberpogrom 1938 entschloss er sich zur Emigration. Er verkaufte Haus und Teile der Einrichtung und plante die Auswanderung nach Chile. Ordnungsgemäß füllte er am 10. August 1939 einen Fragebogen zur Versendung von Umzugsgut nach Holland aus – die Liste enthielt neben Kleidungsstücken auch Metzgergeräten (Wurstfüller, Handwolf, Messerbesteck): Er wollte wieder in seinem angestammten Beruf arbeiten.

Zwei Möglichkeiten kamen für ihn im Sommer 1939 in Frage. Entweder würde er seiner Verlobten Hella Heilbronn, die mit einem „domestic permit” am 24. Juni 1939 nach England gereist war, folgen oder auswandern. In seinem Brief an Hella vom 19. September 1939 aus Amsterdam beschreibt er seine Flucht aus Deutschland über die niederländische Grenze bei Gronau.

Hermann zog nach Antwerpen, wechselte dort häufig seine Adresse und arbeitete in einer Fleischkonservenfabrik. Er wollte sich selbständig machen. Seine Wurstmaschinen – Fleischwolf, Wurstfüller, Aufschnittmaschine – waren in Antwerpen angekommen. Er konnte sie jedoch beim Zoll nicht auslösen. Der Kriegsverlauf zerstörte Hermanns Pläne. Am 10. Mai 1940 wurden die Benelux-Staaten und Frankreich von der deutschen Wehrmacht überfallen. Hermann, der wie viele emigrierte Juden nach Frankreich abgeschoben worden war, wurde im Internierungslager St. Cyprien am Fuße der Pyrenäen festgehalten. Ende 1940 wurde das Lager geschlossen, viele der deutschen Insassen wurden in das Internierungslager Gurs im unbesetzten Frankreich verlegt. Danach kam er für zehn Monate nach Ruffieux , ein Internierungslager im Mont-Blanc-Gebiet. Im August 1942 wurde er von Ruffieux in das Sammellager Drancy bei Paris, in dem bis zu 7000 Menschen zusammengepfercht waren, transportiert. Von dort wurde Hermann Philipps mit dem Transport Nr. 24 am 26. August 1942 nach Auschwitz deportiert, wo er ermordet wurde.

 

Quelle:

Schilling Peter, Gudrun Beckmann-Kircher, Monika Simonsmeier (Hg.) Spuren der Erinnerung an jüdische Familien in Münster-Wolbeck. Lebensgeschichten zu Stolpersteinen, Münster 2015.



Datum/Zeitraum
19.9.1939 – 26.8.1942