Überraschende Entdeckung bei Befreiung des Emsländer Straflagers Oberlangen bei Haren

Polnische Soldaten befreien im April 1945 polnische kriegsgefangene Frauen

Am 23./24. März 1945 erfolgte der Rheinübergang im Abschnitt Wesel – Emmerich durch die alliierten Kampfverbände nach einem gewaltigen Geschosshagel und heftigen Kämpfen. Auch verbissene Abwehrkämpfe der deutschen Fallschirmjäger konnten schließlich den Ausbau der Brückenköpfe (Rees - Bislich -  Wesel) nicht verhindern. Langsam rückten die britischen und kanadischen Kampftruppen vorwärts. Nach der erfolgreichen Luftlandeoperation Varsity im Gebiet Hamminkeln und dem ungemein schnellen Bau der Pontonbrücken über den Rhein stießen kanadische und britische sowie amerikanische Truppen in unterschiedlichen Formationen ins Münsterland vor, wobei Montgomery den Plan verfolgte, die deutschen Seehäfen zu erreichen und zusammen mit den amerikanischen Verbänden die deutschen Truppen unter General Model im Ruhrgebiet einzukesseln. Andere amerikanische Truppenteile konnten von Remagen übers Sauerland vorstoßen und so das Ruhrgebiet in einer südlichen Zangenbewegung umschließen: Mitte April 1945 ergaben sich im Ruhrkessel ca. 300.000 eingeschlossene, deutsche Soldaten.  

Teile der kanadischen Kampftruppen hatten die Aufgabe, Emmerich einzunehmen und dann in den Süden von Ostholland vorzustoßen, denn Ost- und Nordholland befanden sich noch unter deutscher Besatzung. Zur Verstärkung der Kanadier wurde die 1. Polnische Panzerarmee unter General Maczek, von Breda herangeführt (7./.8. April). Diese war im englischen Exil zusammengestellt worden.

Sie überquerte den Rhein bei Rees und befreite dann zusammen mit den Kanadiern und Briten, aber auch mit Belgiern sowie kleineren niederländischen Einheiten in wechselnden Formationen Gelderland, Overijssel, Drenthe, Friesland und Groningen von der deutschen Besatzungsmacht. Die britischen Truppen rückten dagegen ins Münsterland in Richtung Bremen und Hamburg vor. Die polnische Panzerarmee hatte als Zielvorgabe die Einnahme der deutschen Häfen Emden und vor allem Wilhelmshaven als wichtigem Marinestützpunkt. Diese 1. Polnische Panzerdivision eroberte am 10. April Emmen und befreite zusammen mit kanadisch-britischen Einheiten mehrere hundert jüdische Menschen aus dem Konzentrationslager Westerbork (12. April).

Ein Panzer-Trupp der 1. Polnischen Panzerdivision stieß vom (niederländischen) Emmen aus ins (deutsche) Emsland vor und erreichte am 12. April 1945 das Lager Oberlangen (bei Haren). In diesem Lager befanden sich 1726 weibliche polnische Armeeangehörige der polnischen Untergrundarmee, die als Melderinnen und Sanitäterinnen tätig gewesen waren. Bei der Niederschlagung des Warschauer Aufstandes – der ab dem 1.8.1944 rund 60 Tage dauernden, größten einzelnen bewaffneten Erhebung in besetzten Gebieten während des Zweiten Weltkrieges - waren 3000 Soldatinnen der Untergrundarmee gefangen genommen worden. Davon kamen ca. 1700 ins emsländische Gefangenenlager Oberlangen (Straflager VI C).

Das Emsland hatte bisher wenig vom Krieg erfahren; es war auch von Luftangriffen weitgehend verschont geblieben. Hier befanden sich 15 Konzentrationslager: für Strafgefangene, für politische Gefangene und für Kriegsgefangene (u.a. Italiener, Russen). Ihre Aufgabe war es, unter Ausbeutungsverhältnissen Torf zu stechen und einen Teil des Emslandes trocken zu legen. Unter ihnen befand sich auch der spätere Nobelpreisträger (Friedenspreis) Carl von Ossietzky (Lager Esterwegen).

Ins kollektive Gedächtnis hat sich das Lagerlied von Börgermoor „Die Moorsoldaten“ eingebrannt (hier 2. Strophe, Text Johann Esser, Wolfgang Langhoff 1933):

Hier in dieser öden Heide 
ist das Lager aufgebaut, 
wo wir fern von jeder Freude 
hinter Stacheldraht verstaut. 
Wir sind die Moorsoldaten  
und ziehen mit dem Spaten  
ins Moor.

Über die Ankunft des Polnischen Trupps und die Befreiung des Straflagers Oberlangen berichtete der polnische Kriegskorrespondent Folgendes: „Nach einer Kurve kamen wir plötzlich an hohe Stacheldrahtzäune. Ein Tor. Der Panzer hielt nicht an (...) das Eingangstor krachte auf den Weg. Und ganz plötzlich war der Innenhof schwarz von Hunderten von Frauen und Mädchen. Polnische Kampfmützen und Schultertücher mit den Nationalfarben Rot und Weiß. Polnische Frauen!!!“ Es herrschte Stille. Dann trat die polnische Kommandantin hervor und meldete dem Obersten Koszutski militärisch exakt: „1726 Frauen, Soldaten der polnischen Armee im Stalag VI C Oberlangen!“ (s. Meppener Tageszeitung v. 11.04.2015, Carsten van Bevern)

Die Überraschung war auf beiden Seiten groß: Die Frauen waren höchst erfreut, dass sie durch die eigenen Landsleute befreit wurden. General Stanislaw Maczek nahm persönlich den Antrittsappell der Mannschaften im Lager ab. General Maczek (1892-1994) wurde auf dem Ehrenfriedhof für die gefallenen polnischen Soldaten der Panzerarmee in Breda inmitten seiner Soldaten auf seinen Wunsch hin bestattet. (Foto: Gollnick)

 

Literatur: Rüdiger Gollnick: Fremd im Feindesland – Fremd im Heimatland. DP-Lager und Rheinwiesenlager. Spurensuche 1945 am Niederrhein. Goch 2017.



Datum/Zeitraum
12.4.1945 – 12.4.1945