Die Nächte waren oft kurz

Leben in einer Bäckerei nach dem 2. Weltkrieg

Auch in Suderwick und Dinxperlo hinterließ der Krieg eine Schneise der Verwüstung. Das Haus meiner Eltern und das der Großeltern wurde 1945 zerstört; das Backhaus überlebte mit einem großen Loch in der Wand. Die Bäckerei und Konditorei am Heelweg in Suderwick stand unmittelbar an der Grenze; die bis 1949 noch mit Stacheldrahtrollen gesichter war. Mein Vater musste sofort wieder Brot für beide Teile backen. Um allen gerecht zu werden,öffnete er zwei Fenster am Backhaus, vor denen sich Deutsche und Niederländer anstellen konnten. Somit gab es da keinen Streit.Wir hatten eigentlich ein ganz gutes Verhältnis miteinander.

Dann kam 1949 die Abtrennung an die Niederlande als sogenannte Grenzbegradigung und Wiedergutmachung; auch die Bäckerei und unser Land gehörten dazu. Ich musste die schulische Ausbildung abbrechen und im Geschäft mithelfen, der begonnene Neubau lag viele Jahre still. Erst 1955 konnte der Umzug aus der Notwohnung stattfinden. Bei der Geschäftseröffnung am 4. August 1955 schmückten viele Blumen den Raum.

Wie sah nun der Alltag in so einem Bäckerladen aus? Es war ja zugleich auch Konditorei und Lebensmittelvertrieb. Der Bäckermeister, also mein Vater, stand frühmorgens in seiner Backstube. Um 7 Uhr musste das Geschäft geöffnet werden, wehe, wenn das nicht pünktlich geschah. Es gab Kunden, die schon mal früher in die Backstube kamen, aber das störte dort den Arbeitsablauf. Zunächst wurden in der Frühe Brötchen gebacken, zum Wochenende drei Sorten: normale, Milch- und Rosinenbrötchen. Dann Brote, Kuchen, Plätzchen, Gebäckstücke verschiedener Art und auf Bestellung auch Torten. Am Samstag kam als letztes Schwarzbrot in den Ofen. Es wurde erst am Sonntagmorgen herausgenommen.

Im Laden musste alles sauber sein und übersichtlich eingeräumt werden. Der Großhändler aus Terborg brachte Waren, wie Ranja, Marmeladen, Honig, Konserven, Zucker (musste wie manches andere abgewogen werden), Käse, Tee, Kaffee, Neskaffee, Kakao, usw. vom Hof aus in den Vorratskeller. Dort wurde alles ausgepackt, in Regale gestellt und mit einem Korb nach oben getragen. Schokolade, Pralinen und andere Süßigkeiten kamen von anderen Lieferanten.

Wenn Plätzchen nach vorn kamen, duftete der ganze Raum. Sie hatten ihren Platz in diversen Schubkästen, Gebäckstücke in einem Glasschrank.

Es kam vor, dass man schnell ins Backhaus oder in den Keller musste, um etwas zu holen und dass der Kunde/ die Kundin dann allein im Laden war, aber der Gedanke der "Selbstbedienung" kam eigentlich nie auf. Es war einfach Vertrauen da. Kaffee war ein großes Thema, vor allem für die "Grenzgänger". In Deutschland eine Rarität, in Holland wohl auch noch nicht alltäglich, aber es gab ihn. (Nach dem Krieg wurden einzelne Bohnen gehandelt). Und da begann die Schmuggelei, denn es waren nur 50g (oder 30g? ) erlaubt. Der niederländische Handel stellte sich auf diese Vorgabe ein und bot kleine, flache Päckchen an, sowohl von Kaffee als auch von Neskaffee. Die wiederum wurden von Grenzgängern geschickt unter der Kleidung versteckt. Man musste mal eben zur Toilette, wie es hieß.

Das Geschäft war von morgens 7 Uhr bis abends 6 Uhr durchgehend geöffnet, freitags bis 9 Uhr, Mittwoch nachmittags geschlossen. Nach Ladenschluss war die Zeit des Auf- und Einräumens, dann Putzen, denn am nächsten Morgen begann ein neuer Arbeitstag.

Die Weihnachtszeit war stets eine besondere Herausforderung im Backhaus und im Geschäft. Große Spekulatiuskerle, Stollen, Berliner, Kerstkrans, Sauzijtjes, und und. Alles musste gebacken und verpackt werden. Die Herstellung von Marzipanfiguren übernahm in der Regel meine Mutter. Das Schaufenster bekam eine besondere Dekoration und jedes Jahr stellten wir auch eine Spieluhr hin. Darauf freuten sich die Kinder besonders. In der Zeit waren Nächte oft sehr kurz. Lang, lang ist`s her.

Auf dem Gelände der Familie Bülten befindet sich heute das "Bültenhaus" (Senioren- und Pflegehaus).

 

Jutta Brand, Suderwick, im September 2018

 

 



Datum/Zeitraum
0.0.1945 – 0.0.2018