Schöne - aber bewegte Zeiten

Kindheit im Grenzgebiet während des Zweiten Weltkriegs

Geschrieben von Wilhelm Kalberg aus Liedern (Bocholt), geboren im Jahr 1933 , dem Jahr der Machtübernahme von Adolf Hitler

Als drittes Kind von sechs Geschwistern wurde ich 1933 geboren. Unsere Kinderzeit war bis Kriegsbeginn eine schöne unbeschwerte Zeit. Das einzige Spielzeug, an das ich mich erinnere, ist ein Holzpferd. Ansonsten spielten wir mit den Nachbarskindern und deren Hund viel draußen und erkundeten die Gegend.

Kriegsbeginn

1939 begann dann der Krieg. Eines Tages, in den frühen Morgenstunden waren laute Geräusche deutscher Flieger zu hören und etliche Pferdefuhrwerke waren in Richtung Holland und Belgien unterwegs. Für uns Kinder war das sehr interessant, es stellte ja keine Bedrohung für uns dar. Nachmittags kehrte ein wenig Ruhe ein, denn dann war wohl die Zeit der Pferdefütterung.

Besuchten wir sonntags meine Tante in Suderwick, fiel uns auf, dass plötzlich Stacheldraht Deutschland von Holland trennte. Aber als kleiner Junge interessierte man sich natürlich auch für viele andere Dinge. Etwas, das mir auch gut in Erinnerung geblieben ist, war, dass ich 1939 die ersten gepressten Heuballen gesehen habe. Das war eine Sensation, wir kannten die Heuernte anders.

Schule - nicht mehr Platt sondern Hochdeutsch

1940 begann dann der so genannte „Ernst des Lebens“ - ich kam in die Schule. Dort wurden wir zum 1. Mal mit der hochdeutschen Sprache konfrontiert. Es wurde doch überall nur Plattdeutsch gesprochen. Das allerdings hatte jetzt ein Ende; in der Schule wurde (zumindest im Unterricht) nur Hochdeutsch gesprochen. Unterrichtet wurde in der alten Schule, an der auch der Turnsaal angebaut war, unser jetziges Kirchengebäude. Wir lernten, wie alle Kinder, rechnen, schreiben und lesen, außerdem war auch das Sammeln von Heilkräutern ein Schulfach. lm Wäldchen bei Niemann sammelten wir z.B. Brennnesseln (was nicht immer angenehm war) und Lindenblätter. Weiterhin gab es in der Schule eine Seidenraupenzucht. Die älteren Schüler waren gemeinsam mit dem Lehrer für die Fütterung dieser Tiere verantwortlich.

Zunächst beeinflusste der Krieg unseren Schulalltag noch nicht. Nach ca. einem Jahr Schule, wir konnten gerade alle Schreiben, da wurde die von uns erlernte Sütterlinschrift abgeschafft und auf die deutsche Normalschrift umgestellt. Nachmittags wurden wir eingeteilt zum Kartoffelkäfer suchen. Bei Hermann Messing trafen wir uns, ein Erwachsener ging mit uns zu den Feldern und los ging die Suche. Ich kann mich nicht erinnern, viele gefunden zu haben. Zu dieser Zeit gab es schon viele Bombenangriffe auf das Ruhrgebiet.

In Liedern [bei Bocholt] fiel zu dieser Zeit des öfteren Papier, nämlich Flugblätter mit feindlichen Parolen, vom Himmel. Um eine Weiterverbreitung dieser Parolen zu vermeiden, mussten wir Schüler diese Flugblätter aufsammeln. Da inzwischen alle Materialien knapp waren, wurde das Papier zwecks Wiederverwertung eingestampft.

Unser Keller zu Hause, wurde mit Balken abgestützt und das Fenster, wegen der Bombensplitter mit Erde geschützt. Bei Fliegeralarm hieß es dann nur noch: „Ab in den Keller!“ Die Flieger wurden von der Flak beschossen und auch getroffen. Man konnte im Licht der Scheinwerfer die Flieger genau erkennen. Aus diesem Grund musste man, war man mit dem Fahrrad unterwegs, das Licht am Rad mit einem geschlitzten Pappdeckel vermindern. Auch die Fenster an den Häusern mussten abgedunkelt werden. An einem Abend stürzte ein viermotoriges Flugzeug in der Nähe von Tangelder (die heutige Siedlung Möllenkamp) ab. Es gab tote englische Soldaten.

Bei Thiesing im Rübenkeller waren Hiwis (hilfswillige Kriegsgefangene) zum Übernachten untergebracht. Zunächst Franzosen, später Serben. Tagsüber mussten diese Gefangenen auf Bauernhöfen arbeiten, deren Söhne allesamt an der Front waren. Ich erinnere mich, dass es drei französischen Gefangenen gelang, zu fliehen. Unterstützt wurde diese Flucht von den laut singenden Kameraden.

Kommunionsunterricht im Verborgenen

Inzwischen war der Religionsunterricht in den Schulen verboten. Unseren Eltern war es aber ein großes Anliegen, dass wir Kinder christlich erzogen wurden und weiterhin in Religion unterrichtet wurden. Aus diesem Grund trafen wir uns einmal wöchentlich in Vorküchen einiger Bauernhöfe z.B. bei Bauhaus, Giesing, Übbing und Derksmann. Ein Geistlicher der St. Georgs-Kirche Bocholt unterrichtete uns. Auch Kommunionsunterricht und Beichtunterricht erhielten wir. Direkt nach der Schule trafen wir Kommunionskinder des Kommunionjahrgangs 1942 uns in einem Zimmer bei Klein-Schmeink (Epping). Kaplan Bernhard übernahm die Vorbereitung der Erstkommunionkinder.

Das Foto entstand im damaligen Garten des Pastorats St. Georg. Nach der Dankandacht fotografierte uns Kaplan Bernhard. Leider hatten auf Grund der Entfernung nicht alle die Möglichkeit, an der Dankandacht teilzunehmen.

Die Bombenangriffe nehmen zu

Eines Nachmittags waren Willi Messing und ich zu Fuß unterwegs auf der Brömmelingsstiege, als uns, der für Messing arbeitende Serbe mit Trecker und Gummiwagen voller Kornsäcke, auf dem Weg zur Mühle Booltink entgegen kam. Wir Jungs wollten gerne mitfahren, jedoch verbot der Serbe uns das Aufsteigen, wegen eventuell drohender Tiefflieger. Ungefähr 300 Meter weiter, zwischen Küpper und Booltink, wurde er dann tatsächlich von Tieffliegern beschossen. Die Kornsäcke und der Gummiwagen waren total durchlöchert, selbst an der Deichsel erkannte man den Aufprall der Kugeln. Wären wir mitgefahren, hätten Willi Messing und ich diese Fahrt nicht überlebt. Der Serbe blieb -  Gott sei Dank - ebenfalls unverletzt, denn auch am Trecker waren keine Einschüsse zu sehen.

In der Schule wurde nun auch ein Luftschutzbunker gebaut, in etwa gegenüber dem Kirchplatz, dort wo heute der Altglascontainer steht. Bei Fliegeralarm mussten wir alle in den Bunker und das kam jetzt immer öfter vor. Schließlich wurde der Schulbetrieb ganz aufgegeben.

Da alle Lebensmittel inzwischen knapp waren, wurden monatlich Lebensmittelkarten ausgeteilt. Beliebt waren auch die Raucherkarten, denn als Nichtraucher tauschte man diese gegen zusätzliche Lebensmittelkarten. Wir gingen in Werth einkaufen und bekamen unsere Lebensmittel nur noch gegen Karte.

Ungefähr zu der Zeit gab es einen Tieffliegerangriff, und zwar auf die Bahnlinie Bocholt- Isselburg. Mit Bordkanonen wurde auf alles geschossen, was sich bewegte. In Werth wurde Frau Booltink auf ihrem Weg zur Kirche durch einen solchen Angriff verletzt. Des Weiteren kamen holländische Schanzer mit Fahrrädern und schachteten Zick-Zack-Gräben und Einmannlöcher entlang der Straße (alte B67), in einem Abstand von ca. 150 Metern aus. An einem Sonntagmorgen wurden holländische Schanzer, die dabei waren, ihren Weg fort zu setzen, und deshalb in Waggons eingeschlossen waren, wahrscheinlich von englischen Tieffliegern heftigst beschossen. Es gab viele Tote und Verletzte. Zur Versorgung der Verletzten wurden auch Liedemer Rot-Kreuz-Schwestern und zwar Elisabeth Kalberg und Maria Sondermann eingesetzt.

Not lehrt beten. Allerdings wurde der Kirchgang nach Werth immer gefährlicher. Die Kirchbänke in Werth wurden vermietet. Wenn man auf so einem Platz saß, und der Mieter kam auch zum Gottesdienst, mussten wir aufstehen, um den Platz freizumachen.

Etwas später hatte die Familie Lensing (Hansemann), ein Vorhaus mit verstärkter Eisen-Betondecke gebaut, die dem Luftschutz dienen sollte. Hier trafen wir uns dann sonntags wie auch werktags, um gemeinsam mit Kaplan Schumacher Gottesdienst zu feiern. Kaplan Schumacher wohnte zu dieser Zeit bei Familie Giesing (Baus).

Inzwischen hatte der Krieg seine Spuren auch in Liedern hinterlassen. Selbst am 1. Weihnachtstag 1944 gab es einen Tieffliegerangriff auf die Bahnstrecke Bocholt - Isselburg. Beim Schlindern [mit bloßen Schuhen über die Eisfäche schlittern] und Schlittschuhlaufen in der Wüste (zwischen Schuhmacher und Hülskamp), konnten wir diesen Angriff beobachten. Schnell versteckten wir uns unter den Bäumen. Das Haus Tekniepe und die Gaststätte Küpper wurden ganz zerstört. Ein Bus brannte aus, in dem ein Toter noch wochenlang saß. Er wurde dann von Kaplan Schumacher und Heinrich Lensing neben der Gottesmutter, in etwa dort, wo sich das heutige Kevelaer-Bild befindet, bestattet. Später wurde dieser Busfahrer auf den Bocholter Ehrenfriedhof umgebettet.

Kriegsende

lm Mai 1945 war der Krieg endlich zu Ende. Es kehrte auch in Liedern wieder ein Stück Normalität ein. Über jeden Kriegsheimkehrer freute man sich mit der jeweiligen Familie und hoffte auch, dass die eigenen Angehörigen ebenfalls unversehrt zurückkommen würden. Allerdings zogen auch ehemals russische Kriegsgefangene u.a. aus dem Bocholter Stadtwald (Stallag) über die Dörfer, plünderten in vielen Häusern und brachten z.T. viel Elend über die Familien.

An dieser Stelle beginnt auch die Geschichte der Liederner Kirchengemeinde. Um wieder gemeinsam Gottesdienst zu feiern, nutzte man das Schulgebäude mit angrenzendem Turnsaal, gleichzeitig auch als Kirchengebäude. Das Kreuz wurde hergestellt aus dem Holz der Bockwindmühle in Spork. Da Suderwick zu der Zeit noch Niemandsland war, liehen wir uns zunächst die Kirchenglocke der Michael- Kirche Suderwick. Kaplan Schuhmacher feierte nun wieder öffentlich mit uns Gottesdienst. Auch der Schulbetrieb änderte sich durch die Entnazifzierung.

Viele Soldaten kehrten aus diesem Krieg nicht wieder zurück, darunter auch drei Onkel von mir. Mein Vater wurde schon im 1. Weltkrieg Soldat, kam im 2. Weltkrieg zum Volkssturm und musste dann wieder als Soldat dem Volke dienen. Er kehrte am 1. Pfingsttag 1945 wieder zurück nach Hause, glücklicherweise ohne in Gefangenschaft zu geraten. Er war zu Fuß von Berlin nach Liedern zurückgelaufen.

Rückblickend für mich ist eine solche Kinderzeit außerordentlich prägend, und ich wünsche mir, dass keine weitere Generation so etwas noch einmal erleben muss.

 

Wilhelm Kalberg



Datum/Zeitraum
0.0.1933 – 0.0.1945