Heiratsvermittlung über die Grenze

Eine deutsche Stiefmutter gewinnt Respekt

Meine Tante Klara blieb bis Anfang 40 unverheiratet. Sie lebte in Gemenwirthe, einem Ort in der Nähe von Borken, auf dem Hof ihres Vaters. Als ihr Bruder heiratete, seine Frau auf den Hof brachte und bald auch Nachwuchs anstand, musste sie sich nach einem anderen Wohnort umsehen.

Klara arbeitete als Näherin im Betrieb Schulten in Oeding an der niederländischen Grenze. Dort wurde sie im Sommer 1963 von einer Heiratsvermittlerin angesprochen. Klara erklärte sich bereit, den Mann, den die Heiratsvermittlerin vorschlug, zu treffen. Es handelte sich um einen Niederländer aus Beltrum (NL), das gut 35km nordwestlich von Gemenwirthe liegt. Jan, etwas älter als Klara, war vor kurzem verwitwet und hatte sechs Kinder. Er arbeitete als Postbote und war zur damaligen Zeit in der kompletten Region als solcher sehr gut bekannt.

Die beiden lernten sich im Sommer des Jahres 1963 kennen und heirateten bereits ein halbes Jahr später. Klara zog über die Grenze in die Niederlande. Als Stiefmutter von sechs Kindern im Alter von 6-14 Jahren übernahm sie alle damaligen Pflichten, die im Haushalt und innerhalb der Familie anfielen. Während es in der niederländischen Nachbarschaft keine Probleme oder Aufregung darüber gab, dass Jan eine Deutsche heiratete, war das in der Familie etwas anders. Die ältesten beiden der sechs Kinder waren mit der Heirat von Klara und Jan nicht einverstanden. Bei dieser Abneigung ging es weniger darum, dass Klara eine Deutsche war, sondern eher um das Aufeinandertreffen von verschiedenen Charakteren und Traditionen. Klara hatte, vermutlich auch, weil sie bereits etwas älter war, ein offeneres Verständnis von ihrer Rolle als Frau. So war sie nicht mehr nur „Mutter der Familie“, sondern nutzte auch die Gelegenheit, um mit ihrer Tante in den Urlaub zu fahren.
Die Skepsis der älteren Kinder gegenüber Klara gipfelte in einem Ultimatum. Als willensstarker Charakter stellte Jan seine Kinder vor die Wahl, seine Entscheidung für Klara zu akzeptieren oder die Familie zu verlassen. Sie entschieden sich, zu bleiben. Und auch wenn Klara mit der niederländischen Sprache keinerlei Probleme hatte, obwohl sie die Sprache erst nach der Hochzeit in einem Sprachkurs erlernte, blieb Klaras schwerer Stand in der Familie zunächst bestehen.

Neben den angesprochenen Differenzen, die auf das Zusammentreffen von verschiedenen Charakteren und einer anderen Kultur zurückzuführen waren, blieb sie für lange Zeit „nur die Stiefmutter.“ Für die jüngeren Kinder übernahm sie trotz allem so gut es ging eine beschützende und umsorgende Rolle. Da es jedoch nicht ihre leiblichen Kinder waren, wurde sie lange nicht akzeptiert.
Eigene Kinder wollte Klara allerdings auch nicht, da sie sich mit den Aufgaben auf dem Hof und den sechs Stiefkindern ausgelastet fühlte.
Ihr war es ein Anliegen, die Wünsche der Kinder zu erfüllen. Für die jüngste Tochter schafften die Eltern beispielsweise ein Pony an. An Platz mangelte es dem Ehepaar nämlich nicht. Als Eigenversorger mit Schweinen und Hühnern hatten Klara und Jan genügend Ländereien zur Verfügung.

Jahre später hatte sich das Bild von Klara auch bei den ältesten Kindern gewandelt. Nicht zuletzt durch die Pflege der Enkelkinder und ihre großmütige Art hatte sie sich in der Familie etabliert und wurde schließlich von ihren Stiefkindern regelrecht „verehrt“. Es entstand ein sehr familiäres Verhältnis, aus dem bis heute regelmäßige Familientreffen hervorgehen. Da sie auch schon etwas älter waren, wurde auch schon die Petersilienhochzeit nach 12,5 Jahren innerhalb der Familie sehr groß zelebriert. Zur eigentlichen Silberhochzeit war Klara dann bereits verstorben.

 


Personen

n/a

Ort

Gemenwirthe; Beltrum

Datum/Zeitraum
0.0.1963 – 0.0.1980