Was man nicht alles für Freunde tut

oder: Wie man zum Schmuggler wird

Nach meiner Zeit als Zivildienstleistender war ich lange Nebenamtler im Jugendzentrum. Johanna* bekam daher auch mit, dass ich mir einen Bulli als Camper fertig gemacht hatte. Eines Tages kamen so Fragen wie: „Fährst du an deinen freien Wochenenden manchmal an die See? Wie viel Platz ist denn in solch einem Fahrzeug? Kann man damit auch noch was transportieren?“ Die Fragen haben mich etwas verwundert, ich habe mir aber dabei nichts weiter gedacht.

Irgendwann, nach dem Johanna und Markus* Urlaub gemacht hatten, kam von Johanna die unverfängliche Frage: „Sag mal, könntest du mit deinem Bulli für mich einen Schrank transportieren?“ Nichts ahnend sagte ich sofort zu. Die Überraschung folgte auf dem Fuße. Das gute Stück stand nicht zwei Häuser weiter oder im nächsten Ort, sondern in Südholland an der Nordseeküste in einem ganz kleinen Ort, den ich auf meinen Karten zu Hause nicht einmal finden konnte. Es handelte sich zu allem Überfluss auch noch um eine Antiquität. Man muss wissen; die Benelux Staaten hatten in 1980er Jahren große Hürden für die Ausfuhr von Antiquitäten errichtet.

Was also machen? Ich hatte Johanna versprochen, ihr den Schrank zu holen. In den darauf folgenden Tagen habe ich ganz unverfänglich einen mir gut bekannten Zöllner, der mit uns oft in der „Feuchten Vechte“ Bier trank, auf die laschen Zollkontrollen angesprochen. Er fühlte sich dadurch in seiner Berufsehre gekränkt und zählte vieles auf, durch welche Methoden sie das Schmuggeln von Waren verhinderten.

An einem Wochenende bin ich mit einer Bekannten nach Südholland gefahren. In dem kleinen Museumsdorf sollten wir das gute Stück zum vereinbarten Preis  kaufen. Johanna und Markus hatten uns das Geld mitgegeben. Johanna gab uns noch mit auf den Weg: „Eigentlich will der Mann viel zu viel Geld haben, handelt noch mal was runter.“ Der Verkäufer sah das aber ganz anders. Er wollte noch einiges mehr an Geld haben. Es dauerte etwa zwei Stunden bis wir ihn überzeugt hatten, uns das gute Stück für den vereinbarten Preis zu verkaufen.

Da Johanna und Markus um die Probleme mit der Ausfuhr von Antiquitäten wussten und auch nicht den hohen Ausfuhrzoll bezahlen wollten, musste das Teil illegal über die Grenze. Und: Das Sicherste ist ein offizieller großer Übergang.

Wir hatten abgemacht, wenn wir etwa bei Hengelo sind, rufen wir an. Markus kommt uns in Holland entgegen und holt schon mal die Schubladen und eine Tür. Wir kommen dann später nach. Handys gab es nicht und anrufen war schwieriger, als wir gedacht hatten. Sämtliche Telefonzellen, die wir anfuhren, waren defekt. In einer  Tankstelle ließ man uns telefonieren.

Wir kamen später, wie von mir geplat, an der Grenze an. Die große Aufbruchstimmung der LKW Fahrer war schon fast zu Ende. Dazu man muss wissen, dass in Deutschland sonntags Fahrverbot für LKW ist und Nordhorn Frensdorfer Haar ein großer LKW Übergang war. Ein junger Zöllner hielt uns an. Er fragte schon etwas genervt: „Was  wollten Sie in Holland, haben Sie was zu verzollen?“ Ohne zu zögern antwortete ich: „Ich habe einen alten Schrank gekauft. Leider fehlt eine Tür und Schubladen. Die  will ich selber anfertigen. Schauen sie sich das Ding mal an.“ Frage vom Zöllner: „Wie viel haben Sie bezahlt?“ „450,00 Gulden.“ „Fahren Sie weiter!“ Johanna, nach  rund 40 Jahren muss ich rückblickend sagen: „Glück gehabt! Und so wird man zum Schmuggler.“

Dein erster Zivi Titus

 

* Namen geändert

 

 

 


Personen

n/a

Ort

Nordhorn, Frensdorfer Haar

Themen


Datum/Zeitraum
1.8.1981 – 1.9.1981